Japangau nach vier Monaten kommt die Wahrheit ans Licht
War die Strahlung 1000 Mal höher als bekannt? Japans führender
Strahlenmediziner Nishio Masamichi schreibt von einem "nationalen
Verbrechen".
Fukushima war für Japan nicht nur ein historisches Unglück, es war
womöglich ein "nationales Verbrechen". Das jedenfalls behauptet der
Direktor des Hokkaido Krebs-Zentrums, Nishio Masamichi, jetzt in einem
Aufsatz für das angesehen Wirtschaftsmagazin "Toyo Keizai", das "The
Asia Pacific Journal" in englischer Übersetzung veröffentlicht. Die Welle traf das Atomkraftwerk mit voller Wucht
Neue Bilder aus dem zerstörten Fukushima zeigen deutlich die
Beschädigung.
Als die Atomreaktoren explodierten, war der angesehene
Strahlenmediziner Masamichi einer derjenigen, die zu Ruhe und
Besonnenheit mahnten. Er glaubte den Angaben des Energiekonzerns Tepco
und der Regierung. Inzwischen hat sich seine Sichtweise grundsätzlich
gewandelt. Sein Aufsatz ist eine Abrechnung mit einem zweifelhaften
Politik- und Wirtschaftsverständnis, das seine Bürger nicht schützt,
sondern hintergeht und sogar missbraucht.
Vom Erdbeben zur atomaren Katastrophe:
So sei die Freigabe der Daten des teuren "SPEEDI"-Systems bewusst zwölf
Tage lang verzögert worden. "Es ist nur vorstellbar, dass die große
Menge an Radioaktivität, die freigesetzt wurde, nur deshalb nicht
bekannt gemacht wurde, weil sie einen Panikausbruch fürchteten",
schreibt der Strahlenmediziner.
Der frühere Innenminister Haraguchi Kazuhiro habe unterstellt, dass die
tatsächliche Strahlung drei Dezimalstellen größer gewesen sei als die
der Öffentlichkeit mitgeteilten Zahlen. "Wenn das wahr ist, stellt dies
ein nationales Verbrechen dar", so der Strahlenmediziner.
Die Verantwortlichen des Energieunternehmens Tepco hätten den Menschen
bewusst die Wahrheit verheimlicht, weil sie das Überleben des Konzerns
über die Gesundheit der Bevölkerung gestellt hätten. Sämtliche
Bürokraten seien nicht in der Lage gewesen, verlässliche Informationen
über die Wirkung radioaktiver Strahlung zusammenzustellen und eine
sinnvolle Handlungsstrategie daraus abzuleiten, schreibt Masamichi
heute.
Dem Premierminister und seinem Kabinett wirft er vor, es mangele ihnen
an Führungsfähigkeit und dem notwendigen Sinn für eiliges Handeln.
Andere Politiker hätten die Krise sogar für inner- und außerparteiliche
Streitigkeiten benutzt. Und dann leide das Land unter all den
Industrielobbyisten und "akademischen Lakaien" der Regierung, die
mitgeholfen hätten, den Mythos der nuklearen Sicherheit zu schaffen. Mit Blick auf all diese Fakten, schreibt Masamichi: "Ich sehe keinerlei
Hoffnung für Japan. Diese Umstände sind schlicht tragisch." Medien sollten alles tun, um Panik zu vermeiden
Aber auch die Medien zählt der Strahlenmediziner zu den Mitschuldigen.
Sie seien nicht in der Lage gewesen, die Bevölkerung mit fundierten und
gesicherten Informationen zu versorgen. Von den Chefredakteuren sei der
Kurs vorgegeben worden, die Medien sollten alles tun, um Panik zu
vermeiden. Dahinter sei der Anspruch, die Wahrheit zu kommunizieren,
zurückgefallen.
Nachdem er die Arbeitsbedingungen der Rettungskräfte eingehend
untersucht hat, kommt der Leiter des Krebs-Zentrums zu dem Schluss:
"Sie sind nicht einmal wie menschliche Wesen behandelt worden." Obwohl
es in der Nähe Hotels gegeben habe, mussten die Retter in Baracken ohne
jede Privatsphäre schlafen. Er vermutet, Tepco habe dies angeordnet, um
eine Flucht der Arbeiter zu verhindern.
Über die Hubschrauber, die Wasser über den brennenden Reaktoren
abgekippt haben, schreibt Masamichi, sie seien mit so schwachen
Schutzschilden gegen Radioaktivität ausgestattet gewesen, wie sie in
den Röntgensälen eines Klinikums gebräuchlich seien.
ATOMKATASTROPHE Autor: Günther Lachmann |05.07.2011
http://www.welt.de/politik/ausland/article13469164/Fukushima-und-das-nationale-Verbrechen.html